CHI ::: SAILING LOG
Landausflug
Der Außenborder heult auf als ich ihn hochreiße, weil ich eine kleine Sandinsel knapp unter der Wasseroberfläche übersehen habe. Es ist zum Glück nichts passiert, ich war schnell genug. Befinden sich Steine und Geröll oder Korallen im Sand, dann hat man sehr schnell einen verbogenen Propeller. Den kann man dann höchstens noch in der Küche als Mixer verwenden. Es geht weiter, immer den Flusslauf entlang, sehr langsam. Die Wassertiefe ist minimal und überall liegen Baumstämme und Steinbrocken unter der Wasseroberfläche. Dann kommen wir zu einer etwa 80 Meter langen, mit Sträuchern, einigen kleinen Palmen und verschiedenen Grasarten bewachsenen Sandinsel. Mitten im Fluss. Wobei das Wort Fluss eher übertrieben erscheint. Es ist nicht mehr als ein Wasserlauf, so 5 bis 10 Meter breit. Hier können wir nicht weiterfahren. Von nun an geht es zu Fuß weiter. Das Dingi wird sorgfältig an einer dicken Palme angebunden und zusätzlich mit einem Stahlseil und einem Schloss gesichert. Es gibt hier zwar so gut wie keine Diebstähle, aber man weiß nie wer gerade vorbeikommt. Und Gelegenheit macht Diebe. Wir haben Macheten, einen Rucksack mit einer Kleinigkeit zu essen und Enzo als Sicherheit mit. Enzo ist Italiener, aus Udine, spricht gut Deutsch und hat vor allem eine abgesägte Schrotflinte mit. Wir hoffen, dass wir sie nicht brauchen. Aber ohne Waffe ist es für uns Gringos verdammt gefährlich. Die Krokodile werden bis zu 4 Meter lang und wenn man von einem Jaguar angefallen wird, ist es auch nicht gerade lustig. Da sind die Schlangen (Anakondas und ein paar giftige Exemplare) noch eher die harmloseren Viecher.
Langsam kommen wir vorwärts. Es ist anstrengend im Wasser zu waten. Der Untergrund wird immer steiniger. Es gibt kaum eine Stelle, wo man am Ufer auf normalen Grund gehen kann. Der Urwald ist zu dicht bewachsen. Fast überall wuchern die unzähligen Pflanzenarten bis übers Wasser. Wir versuchen immer ein wenig Lärm zu machen. Dadurch nehmen uns die Tiere des Urwaldes früher wahr und können sich vor uns in Sicherheit bringen. Auch so sehen wir noch jede Menge Tiere. Bunte Froesche, Iguanas, Faultiere, riesige bunte Schmetterlinge, und, und, und…
Als wir eine große Gruppe von Brüllaffen entdecken, die direkt über uns auf 40 Meter hohen Bäumen hocken, legen wir eine kleine Pause ein. Die Affen fangen sofort wie verrückt zu brüllen an und machen ihrem Namen alle Ehre. Der Lärm den diese 12 kleinen Affen erzeugen, die nicht viel groesser als ein Schosshund sind, ist so enorm, dass wir uns auch gegenseitig anbrüllen müssen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Nach etwa 10 Minuten gegenseitigen Beobachtens fangen die Brüllaffen ganz langsam an die Bäume nach unten zu klettern. Es werden immer mehr. Auf einmal sind nicht nur 12, sondern 18 von ihnen sichtbar. Und als es 25 werden und sie nur mehr in 15 Meter Höhe sind beschließen wir weiter zu wandern. Schließlich sind wir in ihr Gebiet eingedrungen.
3 Stunden später erreichen wir unser Ziel. Einen Wasserfall der sich ca. 30 Meter tosend in die Tiefe stürzt. Wir setzen uns auf einem Felsplateau zur Rast und machen ein kleines Nickerchen. Beim Munterwerden juckt es überall. Ameisen, etwa 3 cm groß, leuchtend rot. Zu Hunderten rennen sie über und um uns herum. Ein Sprung ins kühle Wasser (nur 25 Grad) des Flusslaufes erledigt das Problem.
Es ist Zeit für den Rückweg. Enzo holt seine Machete raus und schlägt ein paar dicke Zweige als Gehstoecke ab, damit wir bergab einen besseren Halt beim Gehen im Wasser haben. Und dann ein Schrei und das Scheppern der Machete als sie auf den Felsen landet. Eine tiefe klaffende Wunde beim Daumenballen. Scharlachrot rinnt das Blut ins klare Wasser. Die Verletzung muss dringend genäht werden. Nach diesem Schreck versuchen wir den Rückweg so schnell wie möglich hinter uns zu bringen. Ein Notverband wird angelegt, das muss reichen bis wir bei den Booten sind. Kurz bevor wir das Dingi erreichen, sehen wir dann 2 etwa 3 Meter lange Krokodile in der Abendsonne auf einer Sandbank. Als sie uns wahrnehmen, verschwinden die Viecher sofort ins Wasser. Wir gehen zu den Spuren, die ins Wasser führen, können aber im nicht mal 1 Meter tiefen, absolut klaren Wasser keinen Hinweis auf die 2 Krokodile finden. Sie müssen aber irgendwo direkt vor uns im Wasser liegen. 20 Meter links und rechts von dieser Stelle ist das Wasser sehr, sehr seicht und wenn die 2 diese Stellen passiert hätten, so wäre uns das aufgefallen. Was sollen wir nun tun. Wir müssen auf die andere Seite des Flusses und dies ist die einzige Stelle wo wir den Flusslauf überqueren können. Wo anders zu queren und auf dem Land weiter zu marschieren ist hier völlig unmöglich. Wir werfen ein paar Steine ins Wasser, aber keine Bewegung im sandigen Boden wird sichtbar. Unsere Pulsfrequenzen steigen ordentlich an. Wir rotten uns ganz eng zusammen, so dass wir wie ein einziges riesiges Tier für die Krokodile wirken müssen. Jeder hält seine Machete schlagbereit, obwohl wir genau wissen, dass dies im Falle eines Angriffes herzlich wenig helfen wird. So schnell es geht setzen wir über und wenige Minuten später entkrampfen sich unsere Gesichtszüge wieder.
Unser Dingi war noch so wie wir es verlassen haben und genau zum Sonnenuntergang erreichen wir unsere Boote. Jetzt heißt es noch Enzos Wunde zu versorgen. Seine Frau Nadja weigert sich ihren Mann zu nähen. Also erklärt sich Roman bereit diese Aufgabe zu erledigen. Fachmännisch, genau so wie er es einmal vor 7 Jahren bevor er losgesegelt ist in einem Medizinbuch gelesen hat (oder war es der Film Rambo, wo sich Silvester Stallone selbst seinen Arm nähte), näht er mit 3 Stichen die Wunde zu.
Posted by chico @ 05:03 AM CST [Link] [No Comments]