CHI ::: SAILING LOG
Es ist 03.30 der Wind pfeift durch die Wanten der ankernden Boote. Böen von bis zu 30 Knoten wühlen das Meer auf. Windgeneratoren heulen wie Wölfe, und plötzlich ein knallroter Schein über dem Himmel von San Blas, fast gleichzeitig hallt das Mayday über den Funk
Ein Schiff ist auf eines der unzähligen Riffe gelaufen. Wir haben erst in der Früh davon erfahren, da wir wenn wir vor Anker liegen das Funkgerät in der Nacht immer abgeschaltet haben. Als erstes die Frage wie kann man so blöd sein und in diesen Gewässern in der Nacht segeln. Dafür gibt es 2 mögliche Antworten. Entweder man kennt sich hier so gut aus und weiss wirklich über alle Riffe bestens Bescheid, oder man hat überhaupt keine Ahnung und kommt gerade von Venezuela oder Kolumbien hier an. Ja, klar es gibt noch eine dritte Möglichkeit – man ist ein Vollidiot, aber das passt auch auf Möglichkeit eins oder zwei.
Wie auch immer, noch in der Nacht startet eine Rettungsaktion für den Bruchpiloten. Die ersten Helfer kommen mit den Dingis aber es hat keinen sinn. Er ist mit voller Besegelung bei 25 Knoten wind auf das Riff gedonnert und entsprechend weit liegt er jetzt im Riff drinnen. Mit den brustschwachen 10 und 15 ps Motoren gibt es keine Chance ein so schweres Boot von den Korallen zu ziehen. Im ersten Morgengrauen kommt Mark mit seiner „Melody“ daher gefahren. Er hat ein schweres Stahlschiff mit einem 120ps 6 Zylinder Dieselmotor. Und Mark ist ein echter Marinero. Er fährt schon sein Leben lang zur See und weiss was zu tun ist. Zuerst natürlich entsprechend lange und starke Leinen organisieren. Über Funk wird versucht von allen möglichen Booten mindestens 2,5cm oder dickere Leinen aufzutreiben, die den enormen Zug aufnehmen können. Die Leinen müssen auch möglichst lange sein, denn das Bergeschiff kann nicht bis unmittelbar an das Riff heranfahren, sondern benötigt einen Sicherheitsabstand von mindestens 50 Metern. Und das ist extrem wenig. Bei 25 knoten Wind und entsprechender Welle wird man so schnell auf das Riff gedrückt, dass der kleinste Fehler auch der letzte sein kann. Wenn z.B. eine Leine in den Propeller kommt und sie nicht innerhalb kürzester zeit frei bekommt ist es vorbei. Dann liegen 2 Boote am Riff.
Nach und nach trudeln Leinen, Taucher und Helfer am Unglücksort ein. Gegen 10uhr startet der erste Versuch das aufgelaufene Boot runter zu ziehen. Nach wenigen Minuten gibt es einen Knall und die dicke Leine ist gerissen. Die erste Ernüchterung. Es gibt hier nicht viele grosse Boote die entsprechend starke Rettungsmittel an Bord haben. Den ganzen Tag über wird versucht das inzwischen immer stärker beschädigte Boot von den harten und messerscharfen Korallen zu ziehen. Mit jeder Welle die reinkommt, hebt und senkt sich der Rumpf und schlägt auf den zerstörerischen Untergrund. Gegen Mittag dringt Wasser in das Schiff ein und die Boote werden aufgerufen Handbilgepumpen und Kübel zu bringen. Inzwischen hat auch der Ausbau aller leicht demontierbaren Gegenstände und der persönlichen Habseligkeiten des Eigners – er ist alleine unterwegs - begonnen. Erstens um das Boot leichter zu machen und zweitens falls das Boot sinken sollte um wenigstens so viel wie möglich von den Sachen zu retten.
Wir wollten an diesem Tag ohnehin zu einer Insel in der Nähe segeln und nehmen Reinhard mit. Er hat seine grosse Handbilgepumpe aus seinem Boot ausgebaut und will es mit seinem Dingi zum Unglücksort bringen. Wir nehmen es in Schlepptau und ihn mit an Bord und segeln möglichst nahe an die Unglücksstelle. Dort setzen wir Reinhard aus damit er mit dem Dingi zum Havaristen fahren kann und seine Bilgepumpe ihren Dienst aufnehmen kann. Kaum haben wir unseren Anker in einer Bucht 2 Meilen vom Unglücksort eingefahren, kommt John mit seiner Motoryacht daher. Er hat mit Abstand das stärkste Boot hier in der ganzen Gegend. 2 Achtzylinder Dieselmaschinen mit jeweils 275 ps treiben „Gabrielle“ vorwärts. Er kommt längsseits und will eigentlich seine Chartergäste bei uns loswerden um zu helfen. Die wollen natürlich die Action nicht versäumen. Also bindet er nur sein Beiboot bei uns an. Ich gehe zu ihm an Bord um vor Ort mit den Leinen zu helfen. Mark, der den ganzen Tag mit seinem Boot geholfen hat musste inzwischen aufgeben, da seine Maschine überhitzt hat und den Geist aufgegeben hat. Mit grosser Mühe konnte er vom Riff wegsegeln, so dass wenigstens nicht ein weiteres Boot zu beklagen ist.
Während der Fahrt bereiten wir weitere Leinen vor und John versucht dann sein Boot in eine gute Position zu bringen. Leider sind die zur Verfügung stehenden Leinen keine schwimmfähigen polyleinen, sondern wirklich starke und schwere Leinen die leider auch sehr schnell zu Boden sinken. Dadurch passiert es immer wieder dass sich die Leinen in den Korallen verfangen und man kann dann nicht auf Zug gehen, sonst wären die Leinen binnen Sekunden von den Korallen durchgeschnitten. Hier kommen jetzt die Taucher zum Einsatz. Sie müssen die Leinen immer wieder befreien. Eine heikle Arbeit bei fast 2 Meter welle direkt am Riff. Sie sind ohne Tauchflaschen, nur mit Schnorchel an der Arbeit.
Wir starten einen ersten Versuch der nur kurz dauert, da die beiden Zugleinen ungleich lang sind und wir vom Boot aus nur ein paar Meter die Länge korrigieren können. Also Abbruch und die Leute am Unglücksboot werden über Funk informiert, welche Leine sie um wie viel kürzen müssen um den gewünschten Effekt zu erzielen. Wir versuchen möglichst auf der Stelle zu bleiben, müssen die Leinen immer wieder dicht holen und locker lassen damit sie ja nicht in unseren Propeller kommen. Allmählich beginnt uns die Zeit davon zu laufen. Es wird Abend und bei Dunkelheit ist nicht mal daran zu denken die Arbeit fortzusetzen. Wir setzen zu einem letzten Versuch an. Langsam spannen sich die leinen und als John auf volle power geht kommt der erste Funkspruch vom Havaristen dass es sich ein wenig vorwärts bewegt hat. Mit der nächsten groesseren Welle die in das Riff einläuft kommt es wieder ein kleines Stück vorwärts. Es fehlen aber immer noch 4 Meter. Ohne Hilfe der Wellen schaffen wir es nicht. Ich habe eine Gänsehaut von oben bis unten als ich 3 extra grosse Wellen daherrollen sehe. Wahrscheinlich die letzte Chance. Wenn wir sie jetzt nicht losbekommen dann ist es wohl aus. Die erste Welle donnert auf und unter das Schiff, hebt es an und ein gutes Stück geht es vorwärts. Jetzt die nächste und ein weiteres grosses Stück. Am Funk, der den ganzen Tag mitgelaufen ist, hört man bereits erste Jubelrufe, doch noch sitzt das tonnenschwere Ding fest. Dann die dritte Welle. Und tatsächlich, wir können es bis an die Riffkante bringen. Der Kiel sinkt nach unten und das Boot richtet sich auf. Unbeschreiblicher Jubel bei uns an Bord, am funk und überall. Jetzt heisst es schnell sein. Der Plan ist das beschädigte Boot etwa eine halbe Meile um das Riff zu schleppen und dort auf eine Sandbank zu setzen damit es nicht untergehen kann bis die inzwischen recht zahlreichen Löcher und Risse repariert sind. Dann wird es still. Der Rumpf der Yacht füllt sich extrem schnell mit Wasser. Keiner ist mehr unter Deck zum pumpen. Nur eine Minute nach dem der Rumpf vom Riff gezogen worden ist hören wir im Funk die Anweisung des Kapitäns das Boot zu verlassen und keine 10 Sekunden später ragt nur noch der Mast aus dem Wasser. Jemand sagt im Funk – das boot sinkt. Das Ende von „After You“.
Nach ein paar Schrecksekunden die Frau von Reinhard und die Frau von Guido, gleichzeitig mit der gleichen Frage – weiss jemand ob unsere Männer ok sind, die beide beim pumpen geholfen haben und an Bord des sinkenden Schiffes waren. Noch ist nicht klar ob alle Leute vom schiff ok sind. Einige bange Minuten beginnen. Wir versuchen so schnell als möglich den riesigen Wulst an Leinen ins Boot zu ziehen. Dann kommt Spannung in die Leinen. Die Wassertiefe beträgt hier 30 Meter und das Boot dürfte den Grund erreicht haben. Wir kappen die letzte Leine und in diesem Moment gerät ein Ende in einen unserer Propeller. Sofort Maschinen Stopp und bevor wir noch richtig realisieren können was los ist, ist John bereits mit einem Messer ins Wasser gesprungen um sein Schiff von der tonnenschweren last des gesunkenen Bootes zu befreien. Während dieser Minuten treiben wir maschinenlos zum Riff. Ich rufe eines der einheimischen boote mit einem starken Außenborder heran um uns vom Riff weg zu ziehen. Schnell wird ein starkes Seil befestigt doch John gibt Anweisung nicht zu ziehen. Er möchte zuerst den Wulst an Seil, der sich um seinen Propellerschaft gelegt hat, wegschneiden. Mir wird heiss und kalt zugleich. Vielleicht noch 20 Meter bis zum Riff. Bei 10 Metern schreie ich dem kleinen Boot zu dass er ziehen soll. Es ist mir zu gefährlich. Man darf zwar niemals eine Entscheidung des Kapitäns eigenmächtig ändern, aber es machte für mich auch keinen Sinn wenn wir auch noch auf dem Riff landen. Die Einheimischen sind ohnehin zu schwach motorisiert um uns bei diesen Wind und Wellenverhältnissen zu ziehen, aber immerhin können sie uns auf der Stelle halten und wir kommen nicht noch näher an die gefährlichen Klippen. Dann ist John wieder aus dem Wasser. Den Schaft konnte er in so kurzer Zeit zwar nicht frei bekommen, aber es kann auch kein Seil mehr in den zweiten Propeller kommen. Die intakte Maschine wird gestartet und weg von diesem Ort. Inzwischen ist auch die Meldung gekommen, dass alle die am Boot waren von den diversen Dingis aufgesammelt wurden und wenigstens keine Menschen zu beklagen sind.
Für mich war es aufregend, interessant und vor allem sehr lehrreich. Was hätte ich an der Stelle des Kapitäns gemacht? (abgesehen von dem das ich hoffentlich nie so dumm bin bei so einem Wetter, mitten in der Nacht zwischen den Korallen herumnavigieren zu wollen) und vor allem, wäre es besser das Boot auf dem Riff zu lassen? Oder hätte es eine Chance gegeben in der einen Minute wo „After You“ schwamm, das Loch von aussen zuzumachen, mir einer Segelplane zum Beispiel……
Fragen über fragen, das gesunkene Boot wird sicher von den Korallen überwachsen und ein wunderschönes Riff werden, während andere Boote am Land verschrottet werden.
Übrigens der Eigner war nicht versichert. Trotzdem hat er heute morgen alle aufgefordert sich bei ihm zu melden und eventuelle Verluste von persönlichen Sachen wie Leinen, Fender, Benzin oder sonstiges zu melden, damit er den Schaden aus eigener Tasche ausgleichen kann.
Immer wieder hat sich bisher gezeigt wenn es notwendig ist und wenn Hilfe gebraucht wird halten die Segler zusammen und jeder der kann hilft dem anderen soweit es seine Möglichkeiten erlauben.
Posted by chico @ 02:06 PM CST [Link] [No Comments]