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11/12/2004 Entry: "Annapolis"
12. November 2004
Alle die das lesen wissen genau was kaltes Wetter ist, die meisten auch was saukalt ist. Ich weiss jetzt auch wie es ist wenn man sich den Ar... abfriert.
Ein amerikanischer Freund den wir letztes Jahr kennen gelernt hatten, ruft mich an und fragt ob ich nicht Lust haette mit ihm segeln zu gehen. Er muesse sein Boot von Annapolis, der amerikanischen Seglerhauptstadt, nach Northport in den Long Island Sound bringen. Kurz ueberlegt und schon zugesagt, immerhin ist es ein 2 - 3 Tagestoern. Und dieser Toern wird mir sicher lange in Erinnerung bleiben.
Das Boot steht in der Marina nicht auf seinem gewohnten Platz. Alle Vorbereitungs- und Kontrollarbeiten routiniert erledigt und um 10.00 heisst es Leinen los. Wir kommen ca. 3,5 Meter, dann stecken wir im Dreck des Hafenbeckens. Es ist Niedrigwasser. Es gibt kein Vorwaerts und kein Rueckwaerts mehr. Vom Steg sind wir schom zu weit entfernt um wenigstens in Ruhe auf ein Bier gehen zu koennen. Also heisst es warten bis die Flut kommt, damit die das Boot hochhebt. Endlich, 3 Stunden spaeter sind wir frei und es geht los. Die Windrichtung ist guenstig und wir machen gute Fahrt bis wir zur Annapolis Bridge, einer riesigen, die Chesapeak Bay ueberspannenden Bruecke, kommen. Kurz vor dem Brueckenpfeiler schlaegt das Boot einen Hacken und zieht auf den Pfeiler zu. Mit allergroesster Muehe und einigem Glueck, kommen wir um Haaresbreite am Betonsockel der Bruecke vorbei. Der Autopilot hat seinen Geist aufgegeben. Die Stimmung an Bord sinkt drastisch. Ohne Autopilot, das bedeutet dass dauernd jemand bei diesen arktischen Temperaturen am Ruder stehen muss. Wir beginnen mit der Reparatur des Autopiloten. Systematisch werden alle Teile gecheckt um die Ursache des Versagens zu finden.
Gerade als wir draufkommen, dass nur der separat eingebaute Fluxgate Kompass die Fehlerquelle sein kann, glaube ich mich trifft der Schlag.
Im Inneren des Schiffes sieht es aus wie in einer Waschmaschine. Der Boden ist voller Schaum. Das Boot leckt, und zwar ziemlich viel. Irgendwo kommt Wasser herein. Wenn wir die Fehlerquelle nicht schnell finden, dann versenken wir das Boot. Zuerst mal die Bilgepumpen einschalten und zusaetzlich mit der Handpumpe dazupumpen. Langsam, sehr langsam beginnt sich der Wasserspiegel im Bootsinneren zu senken. Alle Durchlaesse und Oeffnungen werden kontrolliert. Nichts, nirgends kommt Wasser rein. Das gibt es einfach nicht, das Boot versinkt fast aber nirgends kommt Wasser rein. Ich sage zu Joe, los starte den Motor wieder. Den hatten wir vorhin mitlaufen lassen damit die Batterien fuer die Nacht voll geladen sind. Und ploetzlich finden wir auch die Ursache allen Uebels. Die Uebergangskupplung zwischen Getriebe und Welle hat sich geloest. Laeuft nun der Motor, dann bewegt sich die Welle und wie mit einer Pumpe wird Wasser ins Innere des Schiffes gepumpt. Eine absolute Fehlkonstruktion. Natuerlich braucht man zur Behebung des Problems ein Spezialwerkzeug, das wir nicht an Bord haben. Aber mit ein Paar Schlauchklemmen koennen wir ein Provisorium herstellen um weitersegeln zu koennen. Der Schaum im Schiff ist uebrigens dadurch entstanden, weil Joe vor der Abfahrt ein Bilgen Reinigungsmittel gegen den Gestank in die Bilge geschuettet hat.
Beim Segeln durch die Dellaware Bay wird es dann immer kaelter und kaelter und der Wind immer staerker. Wir beschliessen nach Cape May zu fahren und dort die gerade durchziehende Kaltfront abzuwarten. Im geschuetzten Hafen versuchen wir dann die eingebaute Eberspaecher Bootsheizung zu reparieren, was schliesslich auch gelingt. So koennen wir zumindest im Hafen und bei Fahrt unter Motor eine angenehme Temperatur im Schiffsinneren erreichen. Pech hat nur immer der jeweils Wachhabende, im Cockpit ist die Natur unbarmherzig und spaetestens nach 1 Stunde ist man bis auf die Knochen durchgefroren.
Donnerstag um 3 Uhr in der Frueh passieren wir die Freiheitsstatue. Welch ein Unterschied zu unserem ersten Einlaufen in New York. Damals hatte ich eine Gaensehaut vor lauter Freude, diesmal vor lauter Kaelte. Ich beschliesse nicht bis Northport weiter zu segeln, sondern in New York auszusteigen und vielleicht noch ein wenig Schlaf vor dem naechsten Arbeitstag zu bekommen. Am einzigen Anlegesteg am Eastriver wartet die Coast Guard und laesst uns nicht anlegen. Safetyzone heisst es, kein Anlegen moeglich. Wieso hat G.W.Bush die Hosen so voll dass er sich vor mir fuerchten muss????
Wir finden dann doch noch einen kleinen Pier und ich springe aus dem fahrenden Boot raus. Ein Anlegen waere an dieser Stelle bei fast 3 Knoten Stroemung nicht moeglich gewesen.
Um 05.00 in der Frueh bin ich zu Hause und falle todmuede und durchgefroren bis auf die Knochen ins Bett. Elena war wieder mal die kluegere. Sie hat vorsorglich auf das Zwischendurch Abenteuer verzichtet. Weibliche Intuition??